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Brustkrebsrisiko: Welche Rolle spielt die Hormonersatztherapie?


Rund 2,8 Millionen Frauen in Deutschland - das ist jede dritte Frau zwischen 40 und 70 - nehmen östrogenhaltige Hormonpräparate gegen Beschwerden in und nach den Wechseljahren. Die so genannte Hormonersatztherapie hilft gegen Depressionen, Hitzewallungen, Schlaflosigkeit, Trockenheit der Vagina und Libido-Verlust. Zudem sind Östrogene bei einer Langzeiteinnahme von zehn Jahren und mehr eine wirksame Vorbeugung gegen den gefürchteten Knochenschwund, die Osteoporose. Diese Wirkungen sind erwiesen. Widerlegt scheint inzwischen, dass die Östrogeneinnahme vor Herzinfarkt schützt.

Seit den frühen 60er Jahren sind die Hormone, meistens Östrogen kombiniert mit Progesteron, auf dem Markt. Kaum ein Medikament hat eine solch steile Karriere gemacht wie diese Präparate. Von der Pharmaindustrie massiv beworben, von den Ärzten gern verschrieben und von den Frauen als "Jungbrunnen" gelobt, waren Östrogene bald in aller Munde. Seit Mitte der 80er Jahre hat sich die Verordnung von Hormonpräparaten verzehnfacht. Der Jahresumsatz beträgt allein in Deutschland 750 Millionen Mark.

Ein Marketing-Erfolg auf Kosten der Frauen, warnen kritische Stimmen. Seit einigen Jahren sind die Hormone ins Gerede gekommen, sie könnten Brustkrebs verursachen. Während die Hersteller und die meisten deutschen Gynäkologen weiterhin den guten Ruf der Hormonersatztherapie verteidigen, fordern Kritiker mehr Sorgfalt bei ihrer Verordnung. Sicher ist, dass Östrogene - sie regen das Zellwachstum in Brust und Gebärmutter-Schleimhaut an - das Krebsrisiko von Brust- und Gebärmutterkörper erhöhen. Nur wie hoch dieses Risiko im Vergleich zu dem unbestreitbaren Nutzen tatsächlich ist, bleibt strittig. Die Frauen sind zu recht verunsichert, insbesondere da sich viele mit ihren Ängsten und Bedenken von ihren Ärzten nicht ernst genommen fühlen.

Unbestritten: Hormone erhöhen das Brustkrebsrisiko!

Schon 1968 entdeckten amerikanische Wissenschaftler einen Zusammenhang zwischen Brustkrebs und Hormonen. Unter 1479 Frauen, denen vor ihrem 40. Lebensjahr die Eierstöcke entfernt worden waren,
kam 75 % weniger Brustkrebs vor als bei den Frauen in der Vergleichsgruppe, deren Eierstöcke weiterhin Hormone produzierten.

Seither hat man viele Risikofaktoren entdeckt, die zeigen, dass sich die körpereigenen Geschlechtshormone Östrogen und Progesteron auf das Brustkrebsrisiko auswirken.

So ist etwa das Brustkrebsrisiko kleiner, je später eine Frau ihre Menstruation bekommt und je früher sie damit aufhört. Kinderlose Frauen haben ein höheres Risiko als Frauen mit mehreren Kindern.

Fazit:

Je länger und je häufiger eine Frau dem Einfluss ihrer eigenen Hormone ausgesetzt ist, desto höher ist ihr Brustkrebsrisiko. Mehr als dreimal pro Woche Sport senkt den Hormonspiegel, vermindert also das Brustkrebsrisiko. Dagegen vergrößert es sich bei Übergewicht nach der Menopause, weil es - Östrogen wird im Fettgewebe gespeichert - den Hormonspiegel in die Höhe treibt. Auch Alkoholgenuss erhöht den Östrogenwert und damit das Brustkrebsrisiko.

Viele Umweltgifte sind aufgrund ihrer östrogenähnlichen Wirkung karzinogen. Beispielsweise wird das Schädlingsbekämpfungsmittel DDT im Stoffwechsel zu einem so genannten Pseudo-Östrogen umgewandelt. Pseudo-Östrogene haben ähnliche Wirkungen wie Östrogene, ohne aber mit ihnen stofflich verwandt zu sein. Einige Forscher führen den Anstieg der Brustkrebserkrankungen somit auf die Pestizide/Pseudo-Östrogene zurück. Fest steht, dass Hormone - ob nun körpereigen ausgeschüttet oder in Pillenform eingenommen - ein Risikofaktor bei der Entstehung von Brustkrebs sind. Ausgenommen allerdings neue "Designer-Östrogene", zu denen es aber noch keine Langzeitstudien gibt.

Heiß umstritten - Die Studien Wie hoch ist das Risiko wirklich?

Schon seit Anfang der 70er Jahre sind Studien publiziert worden, die auf ein erhöhtes Brustkrebsrisiko bei der Hormonersatztherapie hinweisen. Eine der umfangreichsten Untersuchungen, die "Nurses Health Study", aus den USA, veröffentlichte im Juni 1995 folgende Ergebnisse:

Demnach stieg das Brustkrebsrisiko von Frauen bei ausschließlicher Östrogen-Einnahme um 36 %, das der Frauen mit einem Kombi-Präparat Östrogen-Progesteron sogar um 50 %. Wichtig: Die Auswirkungen waren stets von Einnahmedauer und Alter der Frauen abhängig. Die Frauen, die fünf bis zehn Jahre lang die Kombi-Pille gegen Wechseljahrsbeschwerden und Osteoporose genommen hatten, trugen schon ein um 46 % erhöhtes Brustkrebsrisiko. Je älter die Frauen, desto größer war ihr Risiko. Bei Frauen zwischen 60 und 64 Jahren, die die Hormone länger als fünf Jahre nahmen, stieg das Risiko auf 71 % an.

Diesen Erkenntnissen nach sollte eine möglichst kurze Behandlungsdauer angestrebt werden. Tatsache ist aber, dass die Hormone oft langfristig verordnet werden: Jede dritte Frau nimmt sie länger als fünf Jahre.

Diese Studie ist eine von vielen, denen nur eines gemeinsam ist: Ihre Kritiker werten sie als "unwissenschaftlich" ab. Wie hoch das Krebsrisiko einzuschätzen ist, darüber führen Wissenschaftler und Arzte weltweit einen jahrzehntelang andauernden, erbitterten Streit. Nun hat eine neue deutsche Studie auch bei uns für Zündstoff gesorgt:

Im August 2000 veröffentlichte das Bremer Institut für Präventionsforschung und Sozialmedizin (BIPS) zusammen mit dem Wissenschaftlichen Institut der AOK (WidO) die Studie "Östrogene und Krebsrisiko in Deutschland".

Dieser Untersuchung nach entfallen beim Brustkrebs etwa 12 % aller Neuerkrankungen auf eine Hormonbehandlung. Das wären pro Jahr rund 5000 Fälle.

Die Verbände der deutschen Frauenärzte widersprechen heftig. Sie beziehen sich auf Studien, nach denen es während der ersten fünf Jahre der Einnahme kein Risiko gibt. Danach erhöhe sich das Risiko um nur 1,3 %, das sind rund 500 zusätzliche Brustkrebsfälle jährlich. Dem gegenüber stehe aber ein großer Nutzen, insbesondere die Osteoporose-Vorbeugung und Herzinfarkt-Prophylaxe. Allerdings verneinen neueste Studien bereits wieder die günstigen Auswirkungen von Östrogenzufuhr auf das Herz.

Das Auseinanderklaffen der Zahlen (5000 bzw. 500 Brustkrebsfälle jährlich durch die Hormonersatztherapie) zeigt das Desaster: Es gibt keine Langzeitstudie, die wissenschaftlich standhalten kann.

Es ist ein Skandal, dass die Pharmaindustrie, die weltweit jährlich Milliarden-Umsätze mit Hormonpillen macht, bislang keine Studie mit gesicherten Ergebnissen finanziert hat. Aufklärung wird offensichtlich als geschäftsschädigend angesehen. Während in den USA seit Jahrzehnten in den Beipackzetteln der Präparate deutlich und fett gedruckt auf das erhöhte Brustkrebsrisiko hinge wiesen wird, ist die Warnung erst ab 2001 in den deutschen Verpackungen des gleichen Herstellers zu finden.

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